Ragusa 2018

ragusa-einsatzMein Einsatz im Flüchtlingsprojekt „Open House" auf Sizilien.

Ich bin Lefke Krüger und ich habe nach meinem Abitur im letzten Jahr zwei Missionspraktika im Ausland gemacht. Eines davon im Flüchtlingsprojekt „Open House“ in Ragusa, Sizilien, in dem die Missionare Ulrike und Andreas Rüggeberg arbeiten und von dem ich erzählen möchte.

Das Projekt „Open House“

Das Open House ist ein Ort, wo Flüchtlinge den Tag über willkommen sind, wo man sich um sie kümmert, wo sie Ansprechpartner finden, wo sie Zeit verbringen können, Kontakte und Beziehungen entstehen und sie Kurse absolvieren können, die ihnen in ihrer Zukunft helfen werden. Neben Ulrike und Andreas arbeiten noch die Gründer dieses Projekts, Tina und Francesco Iuzzolini, und eine Amerikanerin fest mit.

Die Woche im „Open House“

Das „Open House“ hat einen festen Wochenplan mit verschiedenen Aktivitäten. Am Wochenende ist es geschlossen, und so machten wir zum Beispiel an den Wochenenden Besuche in den Lagern, Ausflüge ans Meer oder in die Natur mit den Flüchtlingen oder pflegten entstandene Beziehungen mit ihnen durch Einladungen zu uns nach Hause.

Montags finden „Al-Massira-Kurse“ statt. „Al-Massira“ ist ein Glaubenskurs für Muslime, durch den schon viele Muslime auf der ganzen Welt zum Glauben an Jesus gefunden haben. Mohammed* aus Marokko zum Beispiel ist durch den Al-Massira-Kurs gläubig geworden, was ihm schon Todesdrohungen von seinen Landsleuten eingebracht hat. Er lebt bereits seit einigen Jahren in Italien mit seiner marokkanischen Frau, die er hier geheiratet hat. Er kommt regelmäßig ins Open House und ist ein Freund des Teams geworden. Momentan droht ihm die Abschiebung nach Marokko, was für ihn eine schreckliche Situation ist.

Ich habe an den Montagnachmittagen zusammen mit Maxi aus Deutschland, der hier einen Bundesfreiwilligendienst macht, Al-Massira mit drei eritreischen Brüdern gemacht. Es war jedes Mal eine gute Zeit, die wir zusammen hatten und wir machten viel zusammen, zum Beispiel eritreisch oder deutsch zu kochen.

Am Dienstag und Donnerstag ist das „Open House“ vormittags und nachmittags geöffnet und so kommen viele Flüchtlinge aus den Lagern zur Gemeinschaft, Kaffetrinken, Spiele machen und Gesprächen, wodurch gute Beziehungen entstehen.

Parallel zu den Öffnungszeiten finden vormittags Alphabetisierungskurse und nachmittags ein Italienischkurs mit einem Italienischlehrer statt, an dessen Ende die Teilnehmer ein Examen schreiben müssen und dann ein Zertifikat über ihr Sprachniveau bekommen.

Die Alphabetisierung findet in kleinen Gruppen statt. Ich übte zum Beispiel lesen und schreiben mit zwei Frauen aus Marokko oder mit einem jungen Mann aus Mali. Viele können weder lesen noch schreiben oder zumindest nicht das lateinische Alphabet.

Mittwochsvormittags ist Nähkurs, den eine Libanesin leitet, die seit einigen Jahren hier lebt und Modedesignerin im Libanon war. Nachmittags findet ein Computerkurs statt. Mit beiden Kursen bekommen die Teilnehmer Fertigkeiten in die Hand, die ihnen in ihrer beruflichen Zukunft nützen können.

Mittwochsabends ist im „Open House“ Movie Night, also ein Abend für Gesellschaftsspiele und dem gemeinsamen Schauen eines Films. Ein Flüchtling sagte einmal, dies sei ein Abend, wo sie sich einfach „als normale Jungen“ fühlen dürfen.

Donnerstagsabend ist Bibelstudium, zu dem Christen, Muslime, Atheisten und alle, die gerne möchten, kommen können. Es wird gemeinsam ein Bibeltext gelesen und diesen über den Computer in all den verschiedenen Muttersprachen gehört und darüber gesprochen.

Freitags ist neben Teamtreffen und einem Gebetsabend für das „Open House“ mit Mitgliedern der Gemeinde „Centro Cristiano Emmanuel“ der Englischkurs. Einmal kamen zum Englischkurs eine ganze Gruppe Jungen aus Eritrea, sie waren alle etwa 16, 17 und 18 Jahre alt. Vier von ihnen waren 13. Später erfuhren wir, dass es in der Nähe ein Camp gibt, in dem 11-jährige Jungen untergebracht sind, die alle unbegleitet gekommen sind.

Ich habe im „Open House“ während der Öffnungszeiten geholfen, in den Kursen und habe Kontakte zu Einzelnen geknüpft und Beziehungen gebaut.

Die Situation

Jeder kennt die Bilder aus den Nachrichten von den Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer. Obwohl diese Bilder eher aus den Nachrichten verschwunden sind, hört es längst nicht auf, es ist so häufig wie seit Jahren. Vor allem aber kommen keine Flüchtlingsboote auf Sizilien an. Die Schlepper in Libyen geben viel zu wenig Benzin, die Boote sind überfüllt und völlig seeuntüchtig (mittlerweile werden nur noch Schlauchboote benutzt, früher vorwiegend Holzboote, mit denen sie es noch bis Sizilien geschafft haben). Schwimmwesten gibt es auch keine. Jene, die man in den Medien sieht, wie die Flüchtlinge im Boot sie tragen, werfen die Rettungsboote vor der Rettungsaktion aus.

Kommt also kein Schiff, das die Flüchtlinge aus Seenot rettet, verdursten sie entweder oder ertrinken. Rettungsaktionen scheitern auch manchmal an den verschiedensten Ursachen, zum Beispiel wenn sowohl ein Rettungsschiff als auch die libysche Küstenwache die Flüchtlinge an Bord holen will oder Panik auf den sinkenden Booten ausbricht. Die meisten Flüchtlinge erleben, wie Bootinsassen ertrinken, im schlimmsten Fall ihre Freunde, Eltern oder Kinder. David* aus Nigeria hat seinen Freund ertrinken sehen und erlebt man ihn, merkt man ihm dies mit seiner Verschlossenheit, Zurückgezogenheit und seinem Ernst an. Ihm geht es nach den Gesprächen mit Andreas und Ulrike (sie sind Psychologen)nun besser.

Die Fluchtursachen und -gründe könnte man niemals verallgemeinern. Jeder hat seine eigene individuelle Geschichte. Da gibt es Kindersoldaten aus Somalia, Opfer von Menschenhandel aus Nigeria, Waisen, und Eritreer, die ihr autoritär und diktatorisch geführtes Heimatland verlassen, Malis aus ihrer aufgrund Rebellengruppen instabiler Heimat. Es gibt Zukunftslosigkeit, Hunger, Gewalt und Verfolgung aus religiösen oder anderen Gründen. In manchen Fällen bricht ein männliches, junges Mitglied einer Familie auf, um durch Arbeit in Europa die Familie in Afrika ernähren zu können.

So machen sie sich alle auf den unterschiedlichen Wegen auf in das eine Land, von dem aus sie nach Europa zu gelangen hoffen: Libyen.

In diesem Bürgerkriegsland, in dem sich ohne Ordnung, Regierung oder Struktur verschiedene Milizen bekämpfen, wurde in den letzten Jahren eine riesige Geldmaschinerie aus den flüchtenden Afrikanern gemacht. In Libyen sind die Afrikaner völlig schutz- und rechtlos, jeder kann mit ihnen machen, was er will und sie für seine Zwecke missbrauchen. Jeder Afrikaner, der in Libyen ankommt, wird in KZ-ähnlichen Lagern eingesperrt und kommt erst wieder frei, wenn er Erpressungsgeld bezahlt hat. So sitzen die meisten jahrelang in diesen Lagern, bei Hunger und Durst, Misshandlungen und Folter: Angekettet-Sein oder geschlagen werden, aufgehangen an der Decke, Vergewaltigungen und Sklavenarbeit. Um sich die Überfahrt nach Europa finanzieren zu können, schuften die meisten unter menschenunwürdigen und -rechtswidrigen Bedingungen. Auch Sklavenmärkte gibt es in Libyen. Manche Milizen zwingen Afrikaner, für sie zu kämpfen und versprechen ihnen, dass die Miliz ihnen die Überfahrt bezahlen werde, wenn sie ein Jahr überleben würden.

Schätzungsweise hundertausende Afrikaner halten sich zurzeit in diesen Lagern auf.

Die EU beauftragte die libysche Küstenwache, Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zurück nach Libyen zu bringen, damit Europa weniger Flüchtlinge bekommt und Europas Grenzen „geschützt“ sind.

So holt die libysche Küstenwache die Boote zurück, bringt die Menschen wieder in die Lager und behandelt sie noch schlimmer als zuvor.

Am 12. März diesen Jahres kam in Pozzallo, Sizilien, ein Rettungsschiff mit geretteten Eritreern an Bord an, die völlig unterernährt und nur noch Haut und Knochen nach 14 Monaten in libyschen Lagern waren. Einer von ihnen starb noch im italienischen Krankenhaus an den Folgen seiner Unterernährung. Der Bürgermeister von Pozzallo sagte, solche Bilder kenne man nur aus KZs.

Die Flüchtlinge, die es geschafft haben, nach Europa zu gelangen, haben hier kaum Zukunft, vor allem in Italien nicht. Bekommen sie nach Monaten in verschieden Lagern ihre Dokumente, sind sie völlig auf sich gestellt, finden keine Arbeit und so landen viele in illegaler Arbeit oder Prostitution. Die Flüchtlinge, die Arbeit hier auf Sizilien finden, werden meist ausgenutzt, werden schlechter behandelt als ihre italienischen Kollegen und bekommen am Ende des Monats ihr Gehalt nicht. Solche Fälle begegnen uns viele im „Open House“.

So machen sich viele von selbst auf nach Nordeuropa, wo fast alle Staaten außer Deutschland ihre Grenzen schließen. Diesen Winter versuchte ein ganzer Zug von Migranten von Italien nach Frankreich über die Alpen zu gelangen, in Schnee und Kälte. Viele, die wir aus dem „Open House“ kannten, sind plötzlich nicht mehr gekommen, und wir erfuhren von den anderen Flüchtlingen, dass sie in der Schweiz oder in Deutschland sind. Deutschland schiebt viele wieder nach Italien zurück ab. Abdullah* aus Gambia hat sich nach Deutschland aufgemacht, um dort eine Arbeit zu finden, wurde aber nach Italien zurückgeschickt. Nun kämpft er hier jeden Tag mit seiner Frau und seinem Sohn ums Überleben und kommt zum „Open House“ für Lebensmittel, staatliche Hilfen gibt es nicht.

Die Lager hier sind unterschiedlich gut geführt, manche hat der Staat in private Hände gegeben, sodass in diesem Fall eher Geld aus der Situation gemacht wird. Weitestgehend bleiben die Flüchtlinge in den Camps sich selbst überlassen.

Europa erreicht zu haben, bedeutet nie das Ende der schrecklichen Reise, es ist immer erst der Anfang all der Hindernisse und Schwierigkeiten hier. Die Zeit des Wartens auf die Dokumente ist unglaublich schwer zu ertragen, ohne Schule, Praktikums- oder Jobmöglichkeiten.

Einzelgeschichten

Im „Open House“ habe ich viele Einzelgeschichten gehört, die aber exemplarisch für viele sind:

Bashir* aus Somalia floh mit 15, nachdem seine Eltern gestorben waren. Er durchquerte mit einem Laster voller Flüchtlinge die Sahara und war dann 2 Jahre in Libyen eingesperrt, angekettet und unterversorgt, bis seine Moschee in Somalia das Erpressungsgeld für ihn bezahlte. Völlig geschwächt kam er auf ein Schlauchboot, das aus Seenot gerettet wurde, und in Italien zuerst in ein Krankenhaus wegen seines Gesundheitszustandes. Er konnte nicht mehr laufen. Nun kann er wieder laufen, hat aber immer noch Fußschmerzen. Er sagt, dass er noch lange Albträume von seinen traumatischen Erlebnissen gehabt habe, sie nun aber vorbei seien. Er kommt regelmäßig ins „Open House“ und bringt immer wieder neue Menschen mit aus dem Minderjährigencamp, in dem er untergebracht ist. Er ist ein sehr freundlicher, junger Mann, wie alle auf der Suche nach Zukunft. Er würde am liebsten studieren.

Faith* aus Nigeria wurde Opfer von Menschenhändlern, die sie aus ihrem Heimatland in die Schweiz brachten, wo sie zwangsprostituiert wurde. Ihre 2 Kinder, aus Vergewaltigung und Prostitution geboren, wurden sozusagen als Pfand bei den Menschenhändlern in Nigeria gelassen. Mutig lief sie aus der Schweiz davon und befreite ihre Kinder und sich damit aus dem Menschenhandel. Nun lebt sie mit ihnen hier auf Sizilien und macht im „Open House“ den Italienischkurs und das Bibelstudium. Sie möchte unbedingt arbeiten, was schwer zu realisieren ist.

Mahad* aus Ghana wurde schon früh Waise und ist bei seiner Tante aufgewachsen. Als sie ihn nicht mehr versorgen konnte, schickte sie ihn fort, woraufhin er hungrig auf der Straße lebte. Er erfuhr von Libyen und der Chance, nach Europa zu gehen und machte sich auf. 2 Monate war er im libyschen Lager eingesperrt, bis ihn jemand freikaufte, der dachte, er sei Moslem wegen seines muslimischen Namens (er ist aber Christ). Dann leistete er 10 Monate Schwerstarbeit in Libyen mit Steine schleppen und konnte somit auf ein Schlauchboot. Er kommt sonntags mit in die Gemeinde, zum Gebetsabend freitags und zum Bibelstudium. Er sagt, dass es schrecklich für ihn sei, nicht zu arbeiten.

Hoffnung

Die biblische Botschaft bezüglich Fremden und Flüchtlingen ist völlig klar und eindeutig. Da gibt es keine unterschiedlichen Meinungen.

Im gesamten Alten und Neuen Testament steht immer wieder: „Liebt die Fremden wie einen von euch“ (z.B. 5. Mose 10, 18-19). Es gibt keine Bedingungen, kein „außer wenn“. Die Gründe der Flucht sind unwichtig, sie ändern nichts an diesem Gebot. Es heißt nicht „liebt die Fremden, die aus politischen Gründen zu euch gekommen sind“, und die aus ökonomischen Gründen hier sind, haben keine Berechtigung, hier zu sein. Es heißt auch nicht „liebt die Fremden, die gut zu euch sind, die, die sich anpassen“, und die anderen werden angefeindet oder sind unerwünscht. Es heißt einfach „liebt die Fremden unter euch.“

In Matthäus 25 sagt Jesus am Ende der Zeit „ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen“ oder „ihr habt mich nicht aufgenommen.“ Gott sagt nicht nur, ich bin mit dem Fremden, Er sagt, ich bin der Fremde. Wenn ein Flüchtling in Libyen gefangen ist, auf dem Mittelmeer am Ertrinken oder hier in unserer Gesellschaft, dann ist es Gott.

Wenn wir als Menschen all das Leid sehen, dann können wir natürlich sehr verzweifelt, zweifelnd, traurig und wütend werden. Wir wollen meist eine Bestrafung von Menschen, wie den libyschen Soldaten zum Beispiel. Aber Gott möchte nicht Bestrafung, sondern die Umkehr jedes Menschen zu Ihm. Das Leid zeigt immer die Folgen der Abkehr von Gott, aber wir fragen uns, wo Gott im Leiden ist. Dabei fragt Gott „Mensch, wo bist du?“ (1. Mose 3,9) und „Mensch, wo ist dein Bruder?“(1.Mose 4,9). Wir haben eine Verantwortung. Gott ist im Leiden und Er wusste genau, wen Er da schuf, als Er uns geschaffen hat.

Ein Bibelvers begleitete mich besonders durch meine Arbeit auf Sizilien und meinen Alltag – Jeremia 29,11: „Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe“, spricht der HERR, „Gedanken des Friedens, und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

So viele auch im Leiden sind, auf der Flucht, in den libyschen Lagern, auf dem Mittelmeer oder in Europa, Gott hat für jede und jeden Einzelnen einen guten Plan, eine Zukunft und Hoffnung.

Lefke Krüger

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